Hintergrund

Arbeit gehört nicht in Kinderhände


Die Zahl der arbeitenden Kinder steigt zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder an. Die Arbeitsbedingungen für arbeitende Kinder verschlechtern sich durch die globale Pandemie. Wir setzen uns dafür ein, ausbeuterischer, gefährlicher und schädlicher Kinderarbeit ein Ende zu setzen. Du hast es in der Hand: Gemeinsam können wir Kinderarbeit stoppen.

Fakten und Hintergründe

Was ist das Problem?

Laut Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) müssen 152 Mio. Kinder weltweit regelmäßig mehrere Stunden täglich arbeiten – davon 73 Mio. unter gefährlichen und ausbeuterischen Bedingungen. Sehr oft verhindert die Arbeit der Kinder einen regelmäßigen Schulbesuch und schädigt in vielen Fällen die gesunde Entwicklung des Kindes. Ein gemeinsamer Bericht des UN-Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) und der ILO geht davon aus, dass Millionen Kinder durch die Covid-19-Krise zusätzlich in Kinderarbeit gedrängt werden. Die Zahl der arbeitenden Kinder steigt derzeit zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder an. Die Herausgeber/innen befürchten auch, dass sich die Arbeitsbedingungen für bereits arbeitende Kinder durch die globale Pandemie weiter verschlechtern.

Wir setzen uns dafür ein, ausbeuterische, gefährliche und schädliche Kinderarbeit zu stoppen.

Ist ausbeuterische Kinderarbeit nicht ohnehin verboten?

Ja, internationale Konventionen (z.B. UN-Kinderrechtskonvention, ILO-Konvention 182 gegen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit) und nationale Gesetze vieler Länder verbieten ausbeuterische Kinderarbeit.

„Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes an, vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt und nicht zu einer Arbeit herangezogen zu werden, die Gefahren mit sich bringen, die Erziehung des Kindes behindern oder die Gesundheit des Kindes oder seine körperliche, geistige, seelische, sittliche oder soziale Entwicklung schädigen können.“

(UN-Kinderrechtskonvention von 1989, Artikel 32

Nichtsdestotrotz ist Kinderarbeit nach wie vor ein weit verbreitetes Phänomen. Es hat auch etwas mit uns zu tun: Österreichische Unternehmen bieten (wissentlich oder unwissentlich) importierte Produkte an, die mit Kinderarbeit hergestellt wurden. Kinderarbeit darf nicht als isoliertes Problem gesehen und angegangen werden. So ist es etwa unabdingbar, daran zu arbeiten, dass Familien ein ausreichendes Einkommen haben, um Kindern einen Schulbesuch zu ermöglichen. Die von der Staatengemeinschaft im Jahr 2015 beschlossene Agenda 2030 mit den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung bietet einen exzellenten Referenzrahmen, um insgesamt voranzukommen. Es ist ein explizites Ziel (SDG 8.7), die (schlimmsten Formen von) Kinderarbeit abzuschaffen. Das Jahr 2021 wurde von der Hauptversammlung der Vereinten Nationen zum Jahr zur Beendigung von Kinderarbeit erklärt.

Es mangelt nicht an allgemeinen Verboten und Absichtserklärungen, jedoch an effektiven Maßnahmen zur Beendigung von ausbeuterischer Kinderarbeit. 2021, im internationalen Jahr zur Beendigung von Kindearbeit, ist es höchste Zeit, aktiv zu werden!

Warum würde ein Lieferkettengesetz helfen?

Einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung von ausbeuterischer Kinderarbeit kann ein „Lieferkettengesetz“ leisten, wie es in Frankreich schon eingeführt wurde und in Deutschland sowie in anderen Staaten und auf EU-Ebene derzeit diskutiert wird. Menschenrechtliche Sorgfaltsmaßnahmen (Human Rights Due Diligence) wurden durch die Arbeit des ehemaligen UN-Sonderberichterstatters zu Wirtschaft und Menschenrechten, John Ruggie, zu einem anerkannten internationalen Standard. Es geht dabei im Kern darum, dass Unternehmen Verantwortung für die menschenrechtlichen Wirkungen ihrer unternehmerischen Aktivitäten übernehmen. Diese Verantwortung erstreckt sich auch auf die inter­nationalen Liefer- und Wertschöpfungsketten von Unternehmen.

Wie diese Verantwortung konkret aussieht, bestimmt sich durch das Wirken und den möglichen Einfluss eines Unternehmens und endet nicht an den engen Grenzen der Unternehmensstruktur. Vielmehr ist es notwendig, dass Unternehmen auch Verantwortung für indirektes Wirken im Rahmen ihrer Tochter- und Zuliefer­unternehmen übernehmen. Dafür sollen sie ein menschenrechtliches Risikomanagement­system etablieren. Ein solches muss die tatsächlichen und möglichen menschenrechtlichen Auswirkungen ihrer unternehmerischen Tätigkeiten auch in ihren Wert- und Zulieferketten abschätzen, wenn nötig Maßnahmen zur Vermeidung der festgestellten Risiken ergreifen und transparent darüber berichten. Kümmert sich ein Unternehmen gar nicht darum, unter welchen Bedingungen Produkte hergestellt werden, soll es für die Verletzung seiner Sorgfaltspflicht auch für die eingetretenen Schäden haftbar gemacht werden können.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat eine Reihe von Leitfäden zur Umsetzung sektorspezifischer Sorgfaltspflichten vorgelegt, um diese für Unternehmen praktisch handhabbar zu machen. Es gibt auch einschlägige Empfehlungen zur Beendigung von Kinderarbeit. Die OECD ist überzeugt, dass sich Unternehmen mit hohen Standards auch einen Wettbewerbsvorteil sichern. Eines ist zentral: Die bisher auf Freiwilligkeit beruhenden Konzepte müssen in einem Lieferkettengesetz verbindlich gemacht und so zu einem gemeinsamen Standard für alle Unternehmen werden.

Weitere Infos gibt es unter www.menschenrechtebrauchengesetze.at

Durch die Etablierung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten im unternehmerischen Kerngeschäft entsteht auf alle Akteur/innen in globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten Druck zum Handeln und zu mehr Transparenz. So wird auch wirkungsvoll gegen ausbeuterische Kinderarbeit vorgegangen.

Wo wurden menschenrechtliche Sorgfaltspflichten bereits gesetzlich verankert?

Damit bislang freiwillige Standards verbindlich werden, müssen diese gesetzlich verankert werden. Hierfür gibt es bereits konkrete Beispiele:

  • Im Mai 2019 wurde in den Niederlanden ein Gesetz (Wet zorgpflicht kinderarbeid) verabschiedet, das Unternehmen an Sorgfaltspflichten für die Verhinderung von ausbeuterischer Kinderarbeit in ihren globalen Zulieferketten bindet. Nach Inkrafttreten des Gesetzes müssen Unternehmen die Risiken bezüglich ausbeuterischer Kinderarbeit erheben, zu deren Vermeidung beitragen und entsprechende Maßnahmen ergreifen.

  • Mit der 2017 beschlossenen sogenannten Konfliktmineralien-Verordnung (2017/821) legt die Europäische Union erstmals bindende Sorgfaltspflichten für die Importeure von Gold, Zinn, Tantal und Wolfram fest. Dadurch soll vermieden werden, dass durch den Rohstoffimport bewaffnete Konflikte finanziert werden. Die Bestimmungen der Verordnung sind mit 1.1.2021 in Kraft getreten.

  • In Frankreich wurde 2017 mit dem «Devoir de Vigilance»-Gesetz erstmals in Europa eine allgemeine menschenrechtliche Sorgfaltspflicht für die ausländische Zulieferkette verbindlich festlegt. Unternehmen ab 5000 Mitarbeiter/innen müssen einen Sorgfaltsplan entwickeln, der menschenrechtliche Risiken des Unternehmens, seiner Filialen und Zulieferbetriebe identifiziert und angemessene Sorgfaltsmaßnahmen zur Verhütung von Menschenrechtsrisiken bestimmt.

Initiativen zur gesetzlich verbindlichen Verankerung von menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten – zumindest für einzelne Hochrisikosektoren – gibt es derzeit u.a. in Deutschland, der Schweiz, Dänemark, Norwegen, Irland, Finnland und den Niederlanden. Mit dem Sozialverantwortungsgesetz liegt auch dem österreichischen Nationalrat ein entsprechendes Gesetz für die Textil- und Bekleidungsbranche vor.

Österreich hat in Sachen Wirtschaft und Menschenrechte Nachholbedarf: Im Zuge der universellen Menschenrechtsprüfung durch den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen erhielt Österreich entsprechende Empfehlungen von zehn Staaten. Eingemahnt wurde etwa, einen längst fälligen nationalen Aktionsplan zur nationalen Umsetzung der UN-Leitprinzipien zu Wirtschaft und Menschenrechten zu erarbeiten, sowie sich ein umfassendes Lieferkettengesetz zu geben.

Bewegung gibt es auch in der Europäischen Union: Im April 2020 verlautbarte Justiz-Kommissar Didier Reynders, dass freiwillige Initiativen bisher zu wenig Erfolg gebracht hätten und die EU-Kommission daher einen Vorschlag für ein europäisches Lieferkettengesetz vorlegen werde. Dieses solle sowohl menschenrechtliche als auch ökologische Sorgfalts- pflichten umfassen. Am 10. März 2021 stimmte im Europäischen Parlament eine überwältigende Mehrheit der Abgeordneten für einen entsprechenden Initiativbericht. Mit einem Gesetzesvorschlag wird Mitte 2021 gerechnet.

Seit dem Jahr 2014 läuft auch auf Ebene der Vereinten Nationen ein Prozess zur Erarbeitung eines Abkommens zu „Verantwortlichkeiten transnationaler Unternehmen und anderer Wirtschaftsunternehmen im Hinblick auf die Menschen- rechte“. Im Oktober 2021 findet die siebente Sitzung der entsprechenden zwischenstaatlichen Arbeitsgruppe8 statt und wird über einen Vertragstextentwurf diskutieren, der u.a. das Erlassen einer nationalen Gesetzgebung zu menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten in den Vertragsstaaten vorsieht.

Westafrika: Kinderarbeit im Kakaoanbau

70% der Welternte von Kakao stammt aus Westafrika. Laut einem Bericht der Tulane Universität (USA) aus dem Jahr 2015 arbeiten alleine in der Elfenbeinküste und in Ghana mehr als zwei Millionen Kinder im Kakaoanbau. Am Beispiel Kakao lässt sich gut nachvollziehen, wie das Ansteigen von ausbeuterischer Kinderarbeit mit dem Verfall des Weltmarktpreises, oft durch Börsenspekulation verursacht, verbunden ist. Auf Grund des Preisverfalls waren erwachsene Erntehelfer/innen nicht mehr leistbar, deswegen wurde auf „billigere“ Kinderarbeit zurückgegriffen. Projektpartner/innen der Dreikönigsaktion beklagen auch immer wieder Fälle von Menschenhandel: Kinder werden aus entfernten Regionen mit falschen Versprechungen geködert und landen dann bei Schwerarbeit im Kakaoanbau. Mehr zu Kinderarbeit im Kakaoanbau hier

Eine Studie der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung und der Dreikönigsaktion zum Thema findest du hier:

Alles auf der Schokoladenseite?

Nachhaltigkeit in der globalen und österreichischen Kakao- und Schokoladenwertschöpfungskette

Indien: Kinderarbeit in der Teppichproduktion

Indien ist weltgrößter Exporteur von handgewebten Teppichen, die auch bei uns im Handel erhältlich sind. Allein im sogenannten Teppichgürtel arbeiten rund 200.000 Kinder als Teppichknüpfer/innen. Viele Kinder erleiden durch die Arbeit an den Webstühlen dauerhafte Gesundheitsschäden, die Wollfasern belasten ihre Atemwege, die Chemikalien zur Behandlung der Garne führen manchmal zu Vergiftungen, die lange Arbeit in gebeugter Haltung beeinträchtigt Muskeln und Knochen. Nur jedes dritte Kind, das in der Teppichindustrie arbeitet, besucht die Schule. Die Dreikönigsaktion unterstützt in Indien Partnerorganisationen, die sich für die arbeitenden Kinder einsetzen.

Arbeit ist kein Kinderspiel: Einige der Einsendungen von 2020 aus aller Welt - Danke für euren Einsatz!